Dezember Zweitausendundzwei, Mittags, Garten der Familie Lindström.
„Das ist es also“, dachte Clive. „Werde ich sie je wiedersehen?“ Er dachte noch einmal daran, wie viel Spaß er und Belinda gehabt hatten. Er erinnerte sich daran, wie sie hin mit Schneebällen nur so bombardierte. Doch über die Zeit wurden ihre Besuche kürzer und in diesem Winter war Belinda nicht mehr gekommen. Vielleicht wird man mit sechzehn Jahren auch zu alt für solche Tollereien. Wenn er sie doch nur noch einmal sehen könnte. Er erinnerte sich daran, wie sie ihn umarmte. Wie die Wärme ihres Körpers ihn fast schmerzte und doch, wollte er mehr davon. Aber wie lange waren diese unbeschwerten Tage schon vergangen? Er konnte es nicht sagen.
Eine eisige Träne kullerte aus seinen schwarzen Augen und tropfte dann, schon fast gefroren, auf den Boden. Kurz darauf konnte sich auch das Auge nicht mehr halten, rollte über sein Gesicht, prallte an der Nase ab und hinterließ eine graue Spur auf seinem dicken Bauch. Seine rote Nase verlor auch an Halt, knickte erst ein Stück ab und schoss dann senkrecht auf den noch gefrorenen Boden. Für einen Moment schien sie auf der Spitze zu stehen, nur um dann zur Seite zu kippen.
Unbeobachtet von einem Menschen stürzte zwei Tage später der Kopf von seinen Schulter und zersprang in tausend kleine Stücke. Zwei Wochen später war er nur mehr eine Erinnerung, wenn überhaupt.
Vierundzwanzigster Dezember Zweitausendundvier, Mittag, Wohnzimmer der Familie Lindström.
„Belinda, ich sag dir doch du bringst diesen Kleinkriminellen nicht mit zu uns nach Hause. Der soll gefälligst mit seiner Familie Weihnachten Feiern. Oder hat er die schon um Hab und Gut gebracht?“
„Papi du Scheusal, er ist kein Kleinkrimineller, er ist Banker – das ist doch wohl ein seriöser Beruf! Mutti sag doch auch mal was, sag deinem Mann, er kann nicht so über meinen Verlobten sprechen.“
„Jocke – ich bitte dich...“
„Ruhe Maria! Ich hab die Nase voll davon, das ihr Weibsbilder zusammen haltet. Der Typ kommt mir nicht ins Haus.“
„Belinda, es tut mir Leid. Du weißt doch, warum er so ist.“
„Jetzt redet nicht so, als ob ich nicht hier wäre! Das ist ja wohl das Allerletzte!“
„Mami, sag diesem Sturkopf, dass Sebastian nichts dafür kann, das das Haus von Oma und Opa zwangsversteigert wurde und das wenn sein Vater nicht ein Schluckspecht und Nichtsnutz gewesen wäre, alles nicht so...“
In diesem Moment stürmte Jocke auf seine Tochter zu und kurz darauf brachte eine schallende Ohrfeige die hitzige Diskussion zum Erliegen.
„Jocke – wie kannst du nur“, rief Belindas Mutter. Belinda konnte nichts sagen. Sie spürte den Handabdruck ihres Vaters im Gesicht. Es brannte, jedoch brannte sie innerlich viel mehr. Nein sie brannte nicht. Sie kochte. Belinda zitterte und zog tief Luft ein. Sie schaute Ihrem Vaters ins Gesicht, dann ihrer Mutter. Belindas Lippen zuckten, wie als wollte sie etwas sagen. Doch sie blieb still.
Niemand sagte etwas. Belindas Puls hämmerte von innen gegen Ihre Schläfen. Sie konnte es fast hören. Ihren Ohren waren heiß und sie biss sich auf die Lippe. Dann bewegte sich Jocke auf sie zu.
Belinda wich einen Schritt in Richtung Maria zurück, schaute sie an und sagte: „Mutti, es tut mir Leid.“ Dann drehte sie sich um, ging mit schnellen Schritten in den Flur, schnappte Ihre Jacke und stürmte nach Draußen.
Vierundzwanzigster Dezember Zweitausendundacht, Abend, Garten der Familie Lindström.
Belinda zog den Mantel enger um sich und ging langsam auf das Gartentor zu. Durch den eisigen Wind fühlten sich ihre Tränen an, wie kleine brennende Kugeln, die sich über das Gesicht zogen. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen und bemerkte, wie blau ihre Finger waren. Keine Handschuhe, sie hatte gerade noch ihren Mantel. Sie dachte an Sebastian und dachte an Weihnachten vor vier Jahren. Hatte ihr Vater recht gehabt? Sie schüttelte den Kopf und stapfte mit schnelleren Schritten auf das Tor zu. Sie hatte nichts mehr. Sebastian war nach vor zwei Monaten überraschend nach New York gezogen. Er hatte eine Stelle in einer großen Bank bekommen und hoffte dort sein Glück zu machen.
Sie zertrat einen Zweig und zuckte bei dem Geräusch zusammen. Sein „Glück“ schien er auch gefunden zu haben. Er hatte sich nicht mehr gemeldet, hatte ihr zwei Stunden vorher Bescheid gesagt. „Was ist mit uns?“, hatte sie gefragt. Sebastian hatte nur mit den Axeln gezuckt und hatte mit einem Koffer bewaffnet die Tür hinter sich zugezogen.
Das Gartentor schob sich langsam auf und quietschte. Was würden ihre Eltern sagen? Ihre Mutter würde sich freuen, aber ihr Vater? Wahrscheinlich würde er – ihre Gedanken stockten. Sie hatten einen Schneemann gebaut? Sie hatte schon ewig keinen Schneemann mehr gesehen. Damals hatten Sie ihn immer zusammen aufgetürmt, sobald der erste Schnee dafür bereit war. Eine dicke Karotte als Nase und ein paar Kohlestücke als Augen.
Mit einem mal fühlte sie einen warmen Schauer, der ihre kalten Glieder aufweckte. Sie stürmte auf die Haustür zu und machte dann plötzlich halt. Sie ging langsam über den weißen Rasen auf den Schneemann zu. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich wenigstens bedanken müsse, ja wurde angezogen von der dunklen gestallt, die stur auf das Nachbargrundstück starrte.
Dann stand sie vor ihm. Er hatte ihren alten Schal umgewickelt und lächelte, soweit man dass von einem Schneemann behaupten konnte. Sie lächelte zurück. „Danke Clive!“, der Name fiel ihr wieder ein. Dann ging sie noch einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn kurz.
Belinda zuckte zurück. War das eine Bewegung? Vorsichtig umarmte sie den Schneemann erneut und wartete. Da war es wieder, sie ging einen Schritt zur Seite und legte diesmal nur die Hand erst auf den Kopf, dann auf die Brust des Schneemannes.
Babumm, erst langsam, dann schneller – im Sekundentakt. Babumm, Babumm. Kleine Schneelawinen rieseltenvon der Brust und ein Auge hatte sich durch die Erschütterungen gelöst. Zuerst dachte sie an ein Erdbeben, doch die Erschütterungen schienen aus dem Schneemann selbst zu kommen.
Babumm, Tadamm, Babumm.
Sie spitzte ihre Finger und bohrte sie in den Torso des Schneemannes. Zuerst spürte sie Widerstand, doch dann glitt ihre Hand durch den Schnee, wie ein heißes Messer durch Wachs. Nach ein paar Zentimetern zog sie die Hand mit einem Ruck aus dem Schneeball. Sie war auf etwas Warmes gestoßen. Das konnte doch nicht sein? Was war hier los?
Ihr Kopf befahl ihren Beinen augenblicklich ihre Eltern zur Hilfe zu holen. Doch stattdessen stecke sie die Hand wieder in den Schneetorso und schob sie diesmal noch ein Stück weiter hinein.
Sie konnte es spüren. Ganz deutlich. Ihr Zeigefinger war an der Quelle der eigenartigen Erschütterungen.
Babumm, Babumm.
Dann kreischte sie auf. Die Kohlestücke ploppten aus dem Kopf und die Möhre segelte nach unten. Ihre kalten Finger schienen zu brennen. Der Schneemann begann zu schmelzen. „Was geschieht hier?“ Konnte sie noch sagen, doch sie war nicht in der Lage, ihre Hand wegzuziehen.
Ihr Atem ging heftig, so dass vor ihr fast eine Nebelwolke entstand. Dann sah sie es. Anstelle der Kohle waren blaue Augen getreten. Oben links schälte sich ein Ohr durch den schmelzenden Schnee. Ein paar Augenblicke später, ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, stand ein triefender junger Mann vor ihr.
Er war bekleidet mit einem Schal. Endlich konnte Sie ihre Hand wegziehen. Sie setzte an, etwas zu sagen, doch ihre Stimme versagte. Der Mann schaute sie an. Er hustete und spuckte das zweite Kohlestück aus.
„Belinda“, ertönte es heiser.
Was geschah hier?
„Belinda, ich liebe dich.“
Ihr wurde schwindelig. „Wer, was, wer bist du?“
„Ich bins. Clive.“ Er lächelte und seine weißen Zähne hatten schwarze Flecken, genau so wie die des Schneemannes. „Du hast mein Herz berührt.“
Er hob seine Hand und legte seine Handfläche gegen ihre Wange. Die Hand war warm und in ihrem Kopf spulten sich Erinnerungen ab, schöne Tage mit dem Schneemann. Wie der Schneemann aufgebaut wurde und wie er jedes Jahr wieder verschwand und doch konnte man sich darauf verlassen, dass er wieder kam. Säuberlich sammelten ihre Eltern jedes Jahr die Kohleaugen und den Schal ein. Die Möhre wurde jedes Jahr frisch gekauft.
Belinda zog ihren Mantel aus und legte ihn um seine Schultern. „Komm“, sagte sie. Zusammen gingen sie zu Tür. Sie klingelte ohne zu zögern.
Jocke öffnete. Sie sah in sein seine Augen. Überraschung, Freude, Wut und dann hing sein Blick auf Clive und der Wut wich wieder Überraschung.
Sie antwortete, bevor er die Frage stellen konnte.
„Das ist Clive, mein Verlobter. Er wird dieses Jahr mit uns feiern.“
