Mord am Gartenteich

Andreas Günther

© 2007

Fred, das Eichhörnchen klopfte wild mit dem Schwanz auf den Hügel von Maulwurf Ripper. Sie nannten ihn so, weil seinen Schaufeln nichts widerstehen konnte. Selbst mit Steinen durchsetzte Erde machte ihm nichts aus, er buddelte sich durch. Sehr zum Leidwesen der Gartenbesitzerin übrigens, aber davon ahnte er nichts.

„Argh“, grunzte er. „Was willst du Fred? Es ist ja lichter Tag, bist du wahnsinnig?“

„Komm schnell zum Teich, es ist ein Verbrechen geschehen!“ Ripper rümpfte die Nase und kniff die Knopfaugen gegen die Sonne zusammen. Dann stöhnte er. „Hat die Froschfrau wieder ihre Kinder verloren? Man sollte meinen, dass sie mittlerweile zu alt für sowas ist.“

„Nein! Es ist ein Mord geschehen. Willy ist tot!“

Schlagartig hörte Ripper auf zu maulen, als schien er begriffen zu haben, dass er jetzt eine Aufgabe hatte. Sie kamen immer zu ihm, wenn ein Verbrechen im Kleingarten geschah. Er war zwar beinahe blind, aber seiner Spürnase entging fast nichts. Er war der beste Detektiv weit und breit. Gut, er war auch der Einzige, aber niemanden schien das zu stören.

Sie machten sich also auf, vorbei am Insektenhotel und huschten dann im Unterholz in Richtung Gartenteich. Eigentlich hatten sie hier ein friedliches Leben, wenn man von den gelegentlichen Attacken der Gartenbesitzerin mal absah. Es gab genug Futter für alle und die Nachbarschaft war soweit auch in Ordnung. Selten verirrte sich mal ein Fuchs in die Kleingartensiedlung. Meist wurde er kurze Zeit später erschossen. Katzen und Hunde waren in anderen Gärten ein Problem, hier jedoch nicht. Die Tiere in diesem Garten hatten eine Art Waffenstillstand. Sie fraßen einander nicht und genossen das reichhaltige Angebot an Nahrung. Es war genug für alle da.

Auf den letzten Metern wurde Fred langsamer, mit seinen scharfen Augen konnte er die Leiche von Willy sehen. Es war grausam. Ripper schien von dem Ganzen noch nichts zu bemerken, unbehelligt trippelte er weiter neben Fred her.

„Ist es nicht schrecklich? Er war so ein netter Wurm.“ Fred sprach zwar mehr zu sich selbst, allerdings antwortete der Anführer des Trupps Ameisen, die gekommen waren, um die Leiche abzutransportieren.

„Könnt ihr euch beeilen? Wir haben hier einen Job zu erledigen. Ich weiß sowieso nicht, wieso wir dieses...“ Er zögerte kurz und fuhr dann fort: „…Verbrechen aufklären sollten.“ Wobei er Verbrechen betonte. „Dies ist der einzige Garten, wo so etwas passiert. Es ist nun mal so. Würmer sterben und wir transportieren sie ab.“

„Ja!“ Francine, die Froschdame, meldete sich zu Wort. „Tiere sterben, aber ganz selten mit einem doppelten Knoten im Leib. Das ist eine Schande.“

„Das ist wohl wahr“, raunten die Ameisen. Ihr Anführer drehte sich zu ihnen um. „Ruhe im Glied!“

„Hast du etwas gesehen Francine? Schließlich ist das hier dein Teich.“ Ripper sagte dies und schien die Ermittlungen aufgenommen zu haben.

„Nein, wenn ich etwas gesehen hätte, dann hätte ich es wohl schon längst gesagt.“

Ripper ließ nicht locker. „So so.“ Er rümpfte die Nase und schien zu schnüffeln.

„Was soll dieses – So so – bedeuten?“ Fred kam am Verhalten von Ripper etwas komisch vor. Er konnte jedoch nicht sagen, was es war.

„Nun ja“, räusperte sich Ripper. „Für mich scheint der Fall klar zu sein.“

Ein Raunen ging durch die Menge, sogar die Ameisen stimmten ein und wurden dieses Mal nicht von ihrem Hauptmann zur Ruhe gerufen. Es war mal wieder unglaublich, wie schnell sich der Maulwurf einen Überblick von der Lage gemacht hatte.

„Ich bin mir sicher, es hat sich folgendes abgespielt. Willy, der Wurm, wollte ein wenig im feuchten Sand am Rand des Teiches buddeln, als er der Täterin über den Weg lief. Francine ist, wie wir alle wissen, die alleinige Bewohnerin der Seerosen...“

„Was willst du damit sagen?“ Francine hüpfte aufgeregt von einem Seerosenblatt, direkt vor die Gruppe von Ameisen, die mutig zurückwichen.

„...ich will damit sagen, dass du und nur du, die Gelegenheit hattest den armen Willy unbemerkt umzubringen. Denn den Kampf – einer Verknotung hättest du sicher gehört. Es weiß doch jeder, dass Frösche gut hören können.“

„Ich bin unschuldig! Fröschen hören nur dass, was für sie gefährlich ist oder andere Frösche!“ Francine brüllte und quakte, hüpfte beinahe in die Ameisen. Der Hauptmann schrie sofort: „Achtung Männer. Die Mörderin versucht uns anzugreifen!“ Augenblicklich sprangen die Ameisen auf Francine los und bissen sie. Das machte sie nur noch aufgeregter. Sie sprang wild auf- und ab und landete dann mit einem lauten Platsch im Teich. Die Ameisen mussten sie loslassen und schwammen langsam an Land.

Ripper wollte sich gerade umdrehen, als er Fred etwas sagen hörte.

„Moment, hört mal Leute. Was ist das?“

Die Ameisen kamen näher, Francine hielt sich in der hintersten Ecke des Teichs auf, konnte also auch noch gut sehen, was vor sich ging. Ripper drehte sich zur Stimme und konnte sowieso nichts sehen.

Die Ameisen zeigten wild auf das, was bisher allen nicht ins Auge gefallen war. Sogar Ripper hatte es übersehen. Das eine Ende von Willys vertrocknetem Körper war angebissen. Es fehlte ein ganzes Stück.

„Ein Frosch hat keine Zähne“, sagte Fred aufgeregt. Wieder ging ein Raunen durch die Gruppe der Ameisen. „Dann muss der Frosch unschuldig sein – und Ripper hatte unrecht!“

„Ihr wisst genau, dass ich mich noch nie geirrt habe.“ Ripper murmelte den Satz mehr, als dass er ihn überzeugt sagte und schien ein wenig rückwärts zu laufen.

„Moment mal.“ Die alte Dame quakte und kam wieder heran gehüpft. „Frösche haben sehr wohl Zähne!“ Die Ameisen gingen sofort wieder in Angriffsstellung. „Aber – ich bin so alt, ich habe keine mehr. Meine Fliegen schlinge ich am Stück runter. Ich glaube, du hast Willy auf dem Gewissen. Ihr Maulwürfe fresst doch Würmer oder etwa nicht? Vielleicht hast du hier gegen unseren Waffenstillstand verstoßen?!“

„Das ist doch lächerlich!“

„Ist es nicht.“ Fred war entrüstet. „Na klar, es kann nur so gewesen sein. Wahrscheinlich hattest du Hunger. Hast den armen Willy gefunden, ihn durch die Knoten bewegungsunfähig gemacht und dann genüsslich an ihm herum geknabbert. Wahrscheinlich hattest du die Hoffnung, dass die Sonne deine Spuren verwischen würde.“

Ripper merkte, dass er verloren hatte. Die Ameisen machten sich bereit, ihn anzugreifen und er machte kehrt und hoppelte mit seinen großen Vorderpfoten davon.

„Das ist wohl ein Geständnis“, murmelte Fred und startete seinerseits die Verfolgung. Der Frosch und die Ameisen ebenso. Sie kamen bis zum Zaun, den Ripper einen Moment lang nur anstarrte. Doch dann wusste er, dass er vorerst in diesem Garten keine Bleibe mehr finden würde. Er schlüpfte durch den Jägerzaun, spürte fast schon die Meute an seinem Fell. Er drehte sich noch einmal um, und dann war es vorbei. Ein Fahrrad erwischte ihn längsseits.

Die Meute blieb geschockt stehen und schaute sich den Menschen an, der den Unfall nicht einmal zu bemerken schien. Es lief in den Garten gegenüber und begrüßte eine dicke Katze, die am Zaun wartete.

Francine, die Ameisen und Fred hoppelten zurück in den Garten und machten sich daran, Willy zu begraben.

„Das hat er nun auch wieder nicht verdient.“ Murmelte Francine noch, als sie wieder in ihren Teich sprang.

Zeichnungen von Christopher Albrodt ©2007