Das Rascheln schwoll an und der Wind drehte wie im Zorn ein paar Blätter zu einer Windrose zusammen. Der ausgetretene Weg, der zwischen den Kleingärten hindurchführte, war bedeckt mit einer dicken Schicht aus Laub. Es hatte seit ein paar Tagen nicht mehr geregnet, das Laub war trocken. Niemand war mehr hier, um die Wege zu räumen. Erst im nächsten Frühjahr würden Sie wiederkommen, um wie die emsigen Bienen, ihre Gärten auf Vordermann zu bringen.
Hannes ließ sich davon nicht stören. Er kam seit über zwei Jahren jeden Tag und immer am frühen Nachmittag. Seine Frau war vor fünf Jahren gestorben und der Gedanke versetzte ihm jedes Mal wieder einen Stich. Sie hatte sich in den letzten Jahren darauf vorbereitet, als Witwe zu leben. „Statistisch gesehen, hab ich mindestens fünf Jahre ohne dich.“ Sie hatte gelacht und ihm zugezwinkert, wenn sie wieder zum Kegeln, Sticken oder Kartenspielen ging. Er wusste, dass Sie recht hatte, denn ihr beider Freundeskreis schwand mit zunehmendem Alter und bestand fast nur noch aus Frauen. Viele davon Witwen seiner Freunde. „Das Leben ist, wie das Leben ist“, hatte er immer geantwortet und sich mit seiner Briefmarkensammlung in sein Arbeitszimmer verkrochen.
Er lächelte bei dem Gedanken daran, während er mit seinen Füßen Furchen in die Laubschicht fräste. Das Rascheln war in seinen Ohren kaum noch Wahrzunehmen, aber er spürte den kalten Wind an seinem Gesicht zerren. Er bekam zwar die Füße nicht mehr so hoch wie früher und Läufer war er schon lange nicht mehr, doch schaffte er jeden Tag den Weg in den Garten bis zu „seiner“ Bank. Er konnte sie schon sehen und sein Gesicht sah plötzlich um Jahre jünger aus. Das Lächeln straffte einen Teil der Falten. Natürlich war niemand da, um es zu bemerken.
Vor der Bank angekommen drehte er sich um, legte seinen Gehstock rechts von sich und setzte sich langsam hin. Dabei griff er mit seiner zittrigen Hand hinter sich, um nicht plötzlich einzuknicken. Er schnaufte. Es war geschafft. Hannes lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Wenn er sich stark konzentrierte, schaffte er es manchmal, sich daran zu erinnern, wie das Geräusch an einem Herbsttag in seinen Kinderohren war. Laut, fast brüllend. Dann sah er sich, wie er als kleiner Junge mit dem Wind rang. Er lief oder raste mit dem Fahrrad und der Wind schien gegen ihn anzubrüllen. „Du kommst hier nicht lang mein Junge, das schaffst du nie.“ Wenig später war er dann außer Atem und erhöhte noch die Geschwindigkeit bis er sich schließlich erschöpft in das Gras fallen ließ und in die Wolken starrte.
Heute war das Heulen des Windes nur ein leises Zischen, als strömte Luft aus einem Fahrradschlauch. Er öffnete die Augen und sah in die Wolken. Er lies sie eine Weile vorüberziehen und wartete, bis er wieder zu Atem kam. Er liebte diese Spaziergänge, aber sie wurden jedes Jahr anstrengender. Doch er hatte sich vorgenommen, hier her zu gehen, so lange er atmete.
Er nahm den Blick von den Wolken und griff mit der Hand in die Penny-Tüte, die er auf seinem Schoß liegen hatte. Heute Nachmittag gab es Mandelhörnchen. Mit der rechten Hand holte Hannes ein abgewetztes Taschenmesser aus der Hose und klappte es auf. Er war schon lange zu schwach, Verpackungen aufzureißen und so hatte er, wie als kleiner Junge, immer ein Taschenmesser dabei. Das Messer war scharf und die Verpackung schnell beseitigt. Er steckte das Messer weg und nahm eines der süßen Stücke in die Hand. Den Rest steckte er in die Tüte zurück und legte diese neben sich.
Wo war Floyd?
Hannes Augen waren zwar schlechter, doch Bewegungen konnte er immer noch erkennen. Und diese erkannte er sofort. Er hatte keine Ahnung, wie der kleine Kerl es jedes Mal schaffte, zur gleichen Zeit hier zu sein wie er, aber es war ihm auch egal.
„Da bist du ja endlich. Du kommst spät“, sagte er. Floyd blinzelte einmal und fuschelte unter die dicke Blätterdecke. Er bewegte sich ruckartig im Zickzack auf die Bank zu. Man konnte nur seinen fleischigen Schwanz sehen, der wie ein Periskop aus den Blättern ragte. Dann plötzlich war er auf der Bank.
Er lief von der rechten Seite der Bank über die Plastiktüte und setzte sich auf das Knie von Hannes. Seinen Kopf reckte er nach oben und rümpfte mit halb offenem Mund die Nase, als würde er Hannes zunicken.
„Wie geht’s Frau und Kindern?“ Hannes brach eine kleine Ecke des Mandelhörnchens ab und legte sie auf sein Knie. Sofort setzte Floyd sich auf und nahm das Stück zwischen seine Pfoten. Erst schnüffelte er am Schokoladenüberzug, dann an der Marzipanfüllung und dann stopfte er sich das Stück mit drei hastigen Bissen in das Maul.
„Wieso stellst du mir jedes Mal die gleiche Frage, wo du die Antwort schon kennst?“
„Ach“, sagte Hannes, „mir fällt es immer schwer ein Gespräch zu eröffnen und dass du eine Ratte bist, macht es nicht einfacher.“
„Na gut, gib mir noch ein Stück und ich erzähls dir.“ Floyd schien zu grinsen, obwohl das bei seinem Rattengesicht schwer zu deuten war. Hannes brach noch ein Stück ab, wieder mit Schokoladenüberzug und dann wartete er.
„Naja Gladys, du weißt, die hab ich im April getroffen. Gladys hat mit elf wundervolle Kinder geboren, glaube ich. Wurde mir zumindest erzählt, du weißt ja wir hängen nicht so an den Partnern. Sind mehr für freie Liebe und antiautoritäre Erziehung. Ich weiß nicht mal, wie viele der Kinder es bis in den Herbst geschafft haben.“
Hannes nahm einen Bissen vom Mandelhörnchen und brach ein weiteres Stück für Floyd. Hannes fragte sich, wie es möglich war, dass er die hohe fiepende Stimme von Floyd überhaupt hören konnte, wo er sonst nur noch tiefere Töne wahrnahm. „Man muss die Dinge nehmen wie Sie kommen. Hat meine Frau immer gesagt.“
„Da hat sie weise gesprochen, das ist das Lebensmotto von uns Ratten. Wenn man sich ständig Gedanken über alles Mögliche macht, dann kommt man nicht zum Leben. Ach übrigens, kann ich noch ein wenig zu Essen für später mitnehmen? Ich brauche noch was für mein Winterlager.“
Hannes zeigte auf die Tüte. „Da sind noch zwei mehr drin. Das sollte bis Morgen wohl ausreichen oder?“
Floyd blinzelte und stellte sich auf die Hinterbeine. Seinen Schwanz drehte er zur Spirale und stütze sich damit. Dann erhob er eine Pfote, als würde er eine Klasse Schüler unterrichten. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Das bläut man uns schon als blinder Nager ein.“ Dann lies er sich wieder auf die Vorderpfoten fallen und knabberte am nächsten Stück Mandelhörnchen.
Hannes zog die Augenbraun hoch und schüttelte den Kopf. „Tja, ihr Ratten hab für Alles einen Spruch parat wie? Stört es euch nicht, dass sich eure Weisheiten widersprechen?“
Floyd schien mit den kleinen Schultern zu zucken und machte sich über ein weiteres Stück her. Nach zwei Stunden hatten sie sich die drei Mandelhörnchen geteilt und getratscht. Floyd nahm noch ein großes Stück mit für sein Winterlager. Hannes bezweifelte, dass es so lange halten würde, aber er hatte vor, seinen kleinen Kumpel auch im Winter zu versorgen, wie er es auch im letzten Winter getan hatte.
Sie verabschiedeten sich und während Hannes noch seinen Gehstock auf den Boden richtete, war Floyd schon im Unterholz verschwunden.
Der nächste Tag begann vielversprechend. Die Wolken waren verschwunden und Hannes konnte den blauen Himmel sehen. Vielleicht würde er heute im Garten noch ein paar Kleingärtner finden. Manchmal kamen Sie bei schönem Wetter auch noch im Herbst vorbei. Wenn nicht, wäre es ihm auch egal. Denn heute hatte er für Floyd eine besondere Leckerei. In der Stadt war Jahrmarkt und er hatte einen Bratapfel gekauft.
Der Weg zu seiner Bank schien geräumt zu sein, dachte er im ersten Moment. Dann erkannte er, dass ein Auto die Blätter zerdrückt hatte. Autos fuhren hier so gut wie nie, denn es war verboten. Manchmal, wenn einer der Kleingärtner einen Baum oder so etwas gekauft hatte, dann beugten sie diese Regal mal, aber im Herbst? Hannes war verwundert.
Als er die Bank erreichte hatte, wiederholte er das Ritual vom Vortag. Er setzte sich und holte die mitgebrachte Delikatesse aus der Tüte, dann wartete er. Lächelte, weil er dachte, er hätte Floyds Nase hinter einer Hecke erspäht. Doch Floyd kam zu spät.
Nach einer halben Stunde fing Hannes an, den klebrigen Bratapfel zu essen. Vielleicht hatte Floyd sich ja mit der Zeit vertan oder sich am Mandelhörnchen überfressen? Wer konnte das wissen? Als Hannes nur noch das Kerngehäuse übrig hatte und sich ein bischen schuldig fühlte, hörte er ein Brummen. Er schaute sich um.
Von der rechten Seite des Weges schaukelte sich ein kleiner Lieferwagen die Furchen entlang. Als dieser auf der Höhe von Hannes war, kurbelte der Fahrer die Scheibe herunter.
„Schönen Tag auch.“
„Tag“, erwiderte Hannes.
„Sie sollten hier vorsichtig sein mit dem Essen.“ Der Mann zeigte auf den Bratapfel, der jetzt als Stiel und Gehäuse auf der Bank lag. „Haben hier Rattengift gestreut. Einige der Gärtner haben ein paar dicke Viecher gesehen und ich sag ihnen, die sind gerissen.“
„Rattengift“, stammelte Hannes.
„Ja, ich stelle noch Schild hinten am Weg auf. Aber die nächsten Wochen würde ich vorsichtig sein. Die Tiere laufen überall rum, wo was zu Essen gelegen hat und es kann sein, das Sie Gift am Fell oder sonst wo haben.“
„Rattengift.“ Mehr konnte Hannes nicht sagen.
Der Mann schaute Hannes an und schüttelte den Kopf. „Schönen Tag noch“, sagte er und setzte sein Fahrzeug wieder in Bewegung. „Blöder alter Sack“, murmelte er doch Hannes konnte das nicht hören.
Ein paar Monate später im Frühling, fragten sich einige der Kleingärtner, wo der alte Mann wohl sei, der früher jeden Tag auf der Bank saß. Er kam nie wieder.